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Nach Peoplesoft verschreckt nun auch Siebel mit
versteckter Gewinnwarnung den Markt. Die Aktien der kalifornischen
Softwarehersteller sind am Mittwoch stark eingebrochen.

Beide Unternehmen hatten zuvor Aussagen gemacht, die von
Analysten als versteckte Gewinnwarnung interpretiert worden sind.
„Die Äußerungen von Siebel und Peoplesoft
bestätigen, dass es in der Branche keine Anzeichen für
eine Erholung gibt“, sagte Friederike Herkommer, Analystin der
Münchener Hypo- und Vereinsbank. Siebel-Finanzchef Ken Goldman
sagte, das Umfeld für Investitionen in Informationstechnologie
(IT) sei im laufenden Quartal mindestens so schlecht wie im
vorhergehenden. Die Siebel-Aktie notierte am Mittwoch zeitweise ein
Minus von 16 Prozent und schloss 14 Prozent leichter bei 15,19 $.
Peoplesoft-Chef Craig Conway wollte im Interview mit der FTD die
Gewinnprognose für sein Unternehmen nicht mehr wiederholen.
Sein Papier brach um mehr als fünf Prozent auf 19,55 $
ein.

Die verbleibenden Tage im Juni dürften für die
Softwarebranche ungewöhnlich spannend werden. Die Wettbewerber
müssen mit ihrer investitionsunwilligen Kundschaft um fast
jeden Preis feilschen, um ihre Umsatzziele für das auslaufende
zweite Quartal zu erreichen. „Die Kunden können die Lage der
Branche jetzt ausnutzen und Preisnachlässe heraushandeln“,
sagt Rüdiger Spies, Software-Experte der Meta Group. Darin
liege auch eine gewisse Gerechtigkeit: „Jetzt können sich die
Firmen das Geld wiederholen, das sie in den vergangenen Jahren zu
viel bezahlt haben.“ Dabei wird nicht nur über
Preisnachlässe gerungen, berichtet ein Insider. Kostenlose
Beratertage, verzögert anlaufende Verträge zur
Softwarepflege, kostenlose Lizenzen für zusätzliche
Programme, über alles lässt sich jetzt reden. Kunden
können dabei die Wettbewerber gegeneinander ausspielen, denn
alle fürchten, ihre Ziele zu verpassen.

Optimistische SAP-Prognose

SAP gehört zu den wenigen Unternehmen, die sich
überhaupt eine Umsatzprognose für das laufende Jahr
zugetraut haben. Finanzvorstand Werner Brandt hat zuletzt auf einer
Analystenkonferenz am Dienstag die Erwartung wiederholt, die
Einnahmen um 15 Prozent steigern und dabei eine Gewinnmarge von 21
Prozent erwirtschaften zu können. Kaum ein Analyst teilt
diesen Optimismus noch. „Wir schätzen, dass SAP in diesem Jahr
den Umsatz um zwölf Prozent steigern kann“, sagt etwa
Friederike Herkommer. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die
Gewinnwarnung kommt.“ Ihr Kollege Norbert Loeken von der WestLB ist
nur wenig optimistischer: „Wenn die Konkurrenz Schwierigkeiten hat,
dürfte das auch für SAP gelten. Wir rechnen damit, dass
SAP im zweiten Quartal am unteren Rand der Prognose landen
wird.“

Henning Kagermann, Ko-Vorstandsvorsitzender von SAP, hat die
Hoffnung noch nicht aufgegeben: „Die Budgets für
Informationstechnologie sind doch da“, machte er sich unlängst
in einem Gespräch mit Journalisten Mut. Doch ob das Geld
wirklich ausgegeben wird, bezweifelt etwa Coleen Kaiser. Die
Analystin der Lehman Brothers: „Die IT-Verantwortlichen in den
Unternehmen sehen einfach schlecht aus. Sie haben beim
Jahr-2000-Problem und beim Internet-Boom viel Geld investiert, und
in beiden Fällen ist nur wenig passiert.“ Erstmals
dürften die Technologie-Oberen angehalten sein, ihre schon
geschrumpften Etats nicht voll auszuschöpfen.

Auch die häufig wiederholte Aussage der
Softwarehäuser, dass ungewöhnlich viele Kunden an neuen
Programmen interessiert seien, lässt Kaiser nicht gelten: „Die
Zahl mag größer sein, aber die Summen, um die es geht,
sind deutlich kleiner.“ Der Abwärtstrend werde frühestens
in sechs Monaten zum Ende kommen. „Wir rechnen mit einem Minus im
Jahresvergleich von 30 Prozent.“ An eine grundlegende Erholung
glaubt die Analystin ohnehin nicht mehr. Im kommenden Jahr werden
die IT-Budgets und die Vertragsgrößen weiter schrumpfen.
„Es wird nie mehr so werden, wie es früher mal war.“

Quelle: © 2002 Financial Times Deutschland