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Auf zu neuen Ufern: Europas größter
Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr erprobt einen weiteren Weg, seine
Geschäfte angesichts schrumpfender Werbemärkte auf
Marketing-Dienstleistungen auszudehnen. Als Vehikel dient der
Berliner Online-Gesundheitscoach XX-Well.com, an dem G+J seit 2007
zu 75 Prozent beteiligt ist. XX-Well verdient sein Geld im
B-to-C-Geschäft mit Abonnements für Ernährungs- und
Fitnesskurse via Internet, vor allem über G+J-Websites. Die
größere Erlössäule ist jedoch das
B-to-B-Geschäft: Hier lizenziert XX-Well seine Coaching-Tools
an Unternehmen, etwa Krankenkassen, Food- und Pharmahersteller, die
diese zur Kundenbindung in ihre Websites einbauen.

Um das Lizenzgeschäft anzukurbeln, rücken G+J und
XX-Well.com jetzt näher zusammen – und schnüren ein
möglicherweise modellhaftes Angebotspaket. Pilotkunde ist der
Gesundheitsprodukte-Hersteller Tetesept, der den Online-Coach auf
seiner Site nutzt, um Kontakte zu potenziellen Kunden zu
generieren. Denn für eine kostenlose Beratung müssen sich
User auf der Tetesept-Page anmelden. Neu ist jetzt: XX-Well
garantiert seinem Lizenznehmer gegen Aufpreis eine Mindestzahl an
registrierten Teilnehmern. Zur Unterstützung stellt G+J
Werbeflächen in seinen Magazinen, Websites und Newslettern
bereit. XX-Well gestaltet die Werbung für den Tetesept-Coach –
und schaltet sie so massiv wie nötig, um das Adressen-Soll zu
erfüllen. Man darf vermuten, dass XX-Well für die
Medialeistung – wenn überhaupt – stark reduzierte interne
Verrechnungspreise an die Mutter G+J „zahlt“.

Daher könnte man das Pilotprojekt auch anders beschreiben:
G+J und XX-Well.com versuchen sich als Dienstleister für
Customer Relationship Management (CRM), lassen sich
erfolgsabhängig bezahlen und setzen die hauseigenen Medien
ein, um das CRM-Ziel zu erreichen. Oder noch kürzer: G+J
verkauft hier keine Werbeflächen mehr – sondern Werbewirkung.
Noch deutlicher würde dies werden, falls G+J den
XX-Well-Gründern die restlichen 25 Prozent abkauft. G+J sieht
„derzeit keinen Grund, nicht von unserem Vorkaufsrecht
Gebrauch zu machen.“ Die Entscheidung stehe jedoch noch aus.
XX-Well, 1999 gegründet, erzielte 2008 geschätzt gut 5
Millionen Euro Umsatz, davon etwa 40 Prozent im B-to-C-Abos. Von
diesen rund 2 Millionen Euro kamen 80 Prozent über G+J-Sites,
15 Prozent übers eigene Portal XX-well.com und 5 Prozent
über andere Sites.

Der Deal mit Tetesept ist nicht der erste Vorstoß von G+J
mit Marketingdienstleistungen: Seit Sommer verkauft das
Lifestylemagazin „Neon“ qualitative Marktforschung zu seiner
Zielgruppe. Generell will der Verlag angesichts schrumpfender
Werbemärkte andere B-to-B-Geschäfte ausbauen
(Mandantenvermarktung, Corporate Publishing) und aufbauen
(Fachinformation, Online-Datenbanken, Veranstaltungen,
Marktforschung).

Quelle:www.horizont.net