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Hamburg – „Diese Updates!“ Wenn Hendrik Rosenboom
etwas an seinem Job hasst, dann ist es die Aktualisierung der
Software auf den Computern seines Arbeitgebers. „Der Aufwand ist
jedes Mal riesig, die halbe Abteilung muss dann am Wochenende
arbeiten“, sagt der IT-Chef der Hartmann AG. Doch die leidige
Prozedur soll seltener werden: Seit Januar mietet der Hersteller
von Medizin-Produkten Teile seiner Software. Die Mitarbeiter der
Tochtergesellschaft in England arbeiten mit einem Programm zur
Vertriebsunterstützung (Customer Relationship Management), das
auf den Servern des Anbieters Salesforce.com läuft. Updates
sind passé.

Die Software-Strategie der Paul Hartmann AG liegt im Trend. Die
Marktforscher von Gartner prognostizieren, dass Miet-Programme bis
2012 mindestens ein Drittel des Marktes für Anwendungssoftware
in Unternehmen erobern werden. Vorreiter der Entwicklung ist der
US-Konzern Salesforce.com, der 2008 mit seinen Produkten eine
Milliarde Dollar Umsatz anpeilt. Experten sprechen von „Software as
a Service“: Ein Dienstleister bietet eine standardisierte
Anwendung, die in einem Rechenzentrum läuft. Die Kunden
greifen über das Netz mit dem Browser darauf zu – dank
billiger Verbindungen auch vom Handy oder Notebook aus.

Der Vorteil: Installation und Pflege der Software auf den
eigenen Rechnern entfallen. Damit lässt sich ein neues System
äußerst schnell einführen. Die Paul Hartmann AG
benötigte keine zwei Monate, um in England die
Salesforce-Software in Betrieb zu nehmen. Das Risiko sei dabei
gering, betont Rosenboom: „Wenn es schiefgeht, schalten Sie die
Miet-Software einfach ab.“ Er hebt zudem die
Dienstleistungs-Mentalität von Salesforce hervor: „Die
müssen täglich um ihre Kunden kämpfen – das
hält die Jungs frisch.“

Bei vielen Unternehmen herrscht bisher jedoch Skepsis, vor allem
wegen der Auslagerung hochsensibler Daten. „Die Dienstleister sind
Spezialisten“, beruhigt Frank Naujoks, Marktforscher von IDC. Daher
könnten Firmen mit einer kleinen IT-Abteilung in Sachen
Sicherheit profitieren. „Wir haben eines der sichersten
Datenzentren der Welt, das hinsichtlich Sicherheit und Datenschutz
den strengsten europäischen und amerikanischen
Sicherheits-Richtlinien entspricht“, wirbt denn auch Joachim
Schreiner, der bei Salesforce für Deutschland zuständige
Vize-Präsident.

Ob Unternehmen für Miet-Software weniger zahlen, ist
allerdings umstritten. „Was man gekauft hat, ist irgendwann
abgeschrieben“, sagt Analyst Naujoks. „Wenn man Software mietet,
laufen die Kosten jeden Monat unerbittlich weiter.“ Er geht davon
aus, dass der anfängliche Kostenvorteil durch das Mieten nach
drei bis fünf Jahren aufgezehrt ist. Joachim Schreiner von
Salesforce meint hingegen, dass bei der Installation im eigenen
Unternehmen versteckte Ausgaben anfallen. „Die Instandhaltung
frisst einen Großteil des IT-Budgets“, argumentiert er. Zudem
zahlten Kunden bei gekaufter Software für jedes Update.

Miet-Software ist ein Produkt von der Stange, das die Kunden an
einigen Stellen anpassen können. Das Prinzip funktioniert vor
allem dort, wo sich betriebswirtschaftliche Abläufe
ähneln. „Vertriebler hören das nicht gerne – aber ob man
Bücher oder Medizinprodukte verkauft, ist vom Prozess her
egal“, sagt Hendrik Rosenboom. Miet-Software gibt es auch für
die Planung von Personal- oder Finanzbedarf. Viele
Mittelständler lassen ihre Mail-Plattform von einem
Dienstleister pflegen. Büro-Anwendungen ergänzen die
Palette -etwa vom Microsoft-Konkurrenten Google.

Der Erfolg von Unternehmen wie Salesforce.com setzt auch
etablierte Anbieter unter Druck. SAP, der weltgrößte
Hersteller von Unternehmens-Software, bietet seit kurzem ein
Programm zur Unternehmensplanung an, das nicht auf dem Rechner des
Kunden, sondern im SAP-Rechenzentrum läuft. Und Microsoft hat
sein Office-Paket um Online-Funktionen erweitert, um Google auf
Distanz zu halten. Für Hendrik Rosenboom ist das eine gute
Nachricht: Wenn seine Firma solche Software einführt, muss er
am Wochenende nicht mehr ins Büro, um Updates
aufzuspielen.

Weiter lesen unter:www.rundschau-online.de/html/artikel/1204006260636.shtml