Seite wählen

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) – 23. Mai 2000 – Die
Kette der Hiobsbotschaften beim Standardsoftware-Anbieter J.D.
Edwards, Denver, reißt nicht ab: Nach dem Rücktritt von
CEO (Chief Executive Officer) Doug Massingill Ende April (CW
Infonet berichtete) und einer Anfang Mai bekannt gegebenen
überraschenden Gewinnwarnung (CW Infonet berichtete)
kündigte das Unternehmen nun eine massive Restrukturierung und
das Ende seiner einstmals ambitionierten Pläne als
Application-Service-Provider an.

Von seinen derzeit rund 5400 Angestellten weltweit wird J.D.
Edwards rund 800 oder 13 Prozent entlassen, um in Verbindung mit
einer gleichzeitigen Reduzierung seiner Bürofläche Kosten
zu sparen. Allein 240 Entlassungen finden am und um den Hauptsitz
des Unternehmens in Colorado statt, betroffen sind dabei
vornehmlich Schulungszentren. „Dies war eine schmerzliche, aber
notwendige Entscheidung“, erklärte der alte und neue
Unternehmenschef und Firmengründer Edward McVaney. J.D.
Edwards müsse künftig schneller auf Veränderungen
des Marktes reagieren. Ihm sei rasch klar geworden, so McVaney,
dass „der Schlüssel zu unserem Erfolg Internet und E-Business
heißt“.

Besonders unzufrieden ist die Company offenbar mit der
Geschäftsentwicklung in Deutschland und Japan. Das „Wall
Street Journal“ zitiert Chief Operating Officer (COO) Dave Girard
mit der Aussage, man werde dort die Mannstärke „signifikant
zurückschrauben“. Stephan Vanberg, bei der deutschen
Niederlassung für die Öffentlichkeitsarbeit
zuständig, erklärte in einer ersten Stellungnahme, in
Deutschland und Zentraleuropa sollten 31 von bislang rund 150
Stellen gestrichen werden, also prozentual etwas mehr als im
weltweiten Durchschnitt. „Wir haben in diesem Jahr bei unseren
Partnern weit mehr Beraterkapazität aufgebaut, als wir nun
wieder entlassen müssen“, wiegelt der PR-Mann ab. „Das hiesige
Geschäft insgesamt ist also gestärkt – und das ist keine
Durchhalteparole.“ Das Business habe sich in den beiden ersten
Fiskalquartalen deutlich besser entwickelt als im Vorjahr.

Da mutet es allerdings eigenartig an, dass der bisherige General
Manager Central Europe (Deutschland, Österreich und Schweiz),
Klaus-Peter Franz, seines Amtes enthoben wurde. Zu seinem
Nachfolger bestellte die US-Zentrale mit sofortiger Wirkung den
bisherigen Schweiz-Chef Peter Landolt. Der zeigte sich wenig
überrascht von der Umstrukturierung: „Ich hätte die
entsprechende Ankündigung eigentlich schon zu einem
früheren Zeitpunkt erwartet.“

Das ursprüngliche Vorhaben, künftig verstärkt als
ASP die eigenen Anwendungen übers Netz zu vermieten, hat J.D.
Edwards offenbar fallen gelassen. „Das ist einfach nicht unser
Geschäft“, erklärte CEO McVaney. Stattdessen werde man
B2B-Kunden (Business-to-Business) „ausgereifte gemeinsame
Geschäftsprozesse mit einem hohen Grad an Zusammenarbeit“
offerieren. In welchen spezifischen Anwendungsbereichen dies
geschehen soll, ließ der Manager indes offen.

Landolt hält diese Meldung für eine Ente. „Ich kann
mir nur vorstellen, dass sich es hier um ein Missverständnis
handelt. Zumindest hier in Zentraleuropa ist ASP für uns ein
wichtiges Thema, ob uns das nun gefällt oder nicht – die
Kunden erwarten es einfach von uns.“ Überdies seien noch
längst nicht alle Einzelheiten der neuen Strategie und
Produkte bekannt. Landolt erwartet, dass spätestens zur
Anwenderkonferenz „Focus“, die ab dem 19. Juni stattfindet,
entsprechende Details mitgeteilt werden.

Die bisherigen strategischen Allianzen mit Siebel Systems und
Ariba sollen von der Restrukturierung nicht betroffen sein, obwohl
J.D. Edwards als Wiederverkäufer kaum Gewinne macht. Auch die
Supportmannschaft bleibt beim Stellenabbau ungeschoren und
könnte sogar noch aufgestockt werden.

Weitere Informationen erhalten Sie unter www.jdedwards.com.