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FRANKFURT/M. – 26.02.2001 CCRM Newsletter – Nach
einem nur kurzen Höhenflug an der Börse enttäuschte
die Dresdner SAP Systems Integration AG (SAP SI) ihre
Aktionäre auf breiter Front. Die SAP-Consulting-Tochter, die
im März zwar in den Nemax-50-Index aufgenommen, gleichzeitig
aber auch 2001 hinter ihren ursprünglich hochgesteckten
Erwartungen zurückbleiben wird, will jetzt vor allem im
US-Markt expandieren. Von Andrea Goder*

Den ersten Schritt zur angekündigten Internationalisierung
vollzog SAP SI vor wenigen Tagen mit der Akquisition der in Atlanta
ansässigen Prescient Consulting LLC. Für das auf
SAP-Beratung und Implementierung spezialisierte US-Unternehmen, das
im Geschäftsjahr 2000 einen Umsatz von 12,7 Millionen Dollar
erzielte, bezahlten die Dresdner 11,4 Millionen Dollar.

Die Bekanntgabe der Prescient-Übernahme ist eine von
wenigen positiven Meldungen der SAP-Tochter seit dem
Börsengang im September 1999 an den Neuen Markt. Zwar legte
SAP SI im Herbst vergangenen Jahres – in einem schwierigen
Börsenumfeld – ein glänzendes Debüt hin. Die mit 19
Euro ausgegebene Aktie schoss am ersten Handelstag in der Spitze
auf 53 Euro hoch. Wenige Wochen später musste das Papier dann
jedoch bereits kräftig Federn lassen – die Dresdner
überraschten Anleger und Analysten mit einer
Gewinnwarnung.

Wie stark die Geschäftszahlen tatsächlich von den noch
beim Börsengang veröffentlichten Planungen abwichen, gab
das Unternehmen erst vor wenigen Wochen auf seiner
Bilanzpressekonferenz in Frankfurt am Main bekannt. Das operative
Ergebnis vor Goodwill-Abschreibungen lag demnach mit 29,3 Millionen
Euro sogar unter dem des Vorjahres (31 Millionen Euro). Geplant
waren ursprünglich 35,3 Millionen Euro. Laut Vorstandsmitglied
Ulrich Assmann drückten vor allem die aus der Fusion der drei
Gründungsgesellschaften (SAP Solutions GmbH, SAP SI GmbH und
SRS AG) resultierenden Kosten und der Börsengang selbst auf
das Ergebnis.

Beim Umsatz gelang den sächsischen Consultants mit 186,2
Millionen Euro eine Punktlandung nach 151,7 Millionen Euro im
Vorjahr (plus 23 Prozent). Doch auch hier liebäugelten die
vier SAP-SI-Vorstände ursprünglich mit mehr. Nachdem SAP
SI vor allem im zweiten und dritten Quartal nach den Worten von
Finanzvorstand Jörg Vandreier „etwas vom Gaspedal getreten“
ist, konnte das Unternehmen allerdings im Schlussquartal mit
Einnahmen in Höhe von 56,6 Millionen Euro wieder Boden
gutmachen. Das Umsatzplus lag in diesem Zeitraum 29,1 Prozent
über dem vergleichbaren Vorjahresquartal.

Wie ein Blick in die Bilanz zeigt, ist der Börsenneuling
nach wie vor stark vom Walldorfer Mutterkonzern, der nach dem IPO
noch mit 53,7 Prozent an SAP SI beteiligt ist, abhängig.
Daneben hält auch die Darmstädter Software AG noch 11,4
Prozent an dem Unternehmen. Insgesamt erzielte das auf
IT-Consulting, Systemintegration und Anwendungsentwicklung
spezialisierte Tochterunternehmen im letzten Geschäftsjahr
noch 93 Prozent des Umsatzes mit SAP-bezogenen Produkten.
„Mittelfristig wollen wir diesen Anteil auf 50 Prozent
herunterfahren“, formulierte Assmann vor der Presse als Ziel. In
Zukunft sollen deshalb verstärkt Integrationsprojekte in den
Bereichen E-Business und Customer-Relationship-Management (CRM) in
Angriff genommen werden.

Von Consulting-Leistungen abgesehen, entfielen im letzten Jahr
fünf Prozent des Umsatzes auf den Geschäftsbereich
Outsourcing und Application Services (plus 19 Prozent).
Enttäuscht zeigte sich Assmann über die Entwicklung des
Produktgeschäfts, das lediglich zwei Prozent zu den Einnahmen
beisteuerte.

Noch zum IPO wurde die Entwicklung eigener Softwarekomponenten –
ein Bereich, in dem vergleichbare Wettbewerber wie die ebenfalls
börsennotierte IDS Scheer AG bereits heute erfolgreich sind –
als wichtige strategische Komponente präsentiert. In der Folge
kam es dann allerdings zu Verzögerungen in der
Produktentwicklung.

Produktportfolio bereinigt
Um zudem eine „zu breite Diversifizierung“ der Produktpalette zu
verhindern, wurde laut Assmann bereits im Dezember die Entwicklung
systemnaher Software eingestellt. Betroffen davon ist das
Konvertierungs-Tool „Business-X“.

Statt dessen setzen die Dresdner jetzt verstärkt auf den
Ausbau des internationalen Geschäfts, auf das im Jahr 2000
erst zehn Prozent der Einnahmen entfielen. Im Visier haben die
ERP-Consultants den bereits eingangs erwähnten US-Markt.
Diesseits und jenseits des großen Teiches konkurrieren die
Dresdner dabei allerdings vor allem mit den Schwergewichten im
Beratungsgeschäft, also Firmen wie IBM (Sercon), CSC Ploenzke,
KPMG und Pricewaterhouse-Coopers. In der Liga der kleineren
Wettbewerber spielen dagegen am Neuen Markt notierten Unternehmen
wie Plaut, SVC oder Novasoft.

Apropos USA: Erst im Januar gründete SAP SI eine
US-Tochtergesellschaft in Newtonsquare, Pennsylvania. Dank besagtem
Zukauf und eigener Anstrengungen will man bereits im laufenden Jahr
rund zehn Prozent der Erlöse in den USA erzielen und vertraut
dabei – entgegen allen Emanzipationsbeteuerungen – stark auf den
Rückenwind der Konzernmutter in Walldorf. „SAP erlebt in den
USA derzeit eine Renaissance“, glaubt SAP-SI-Chef Assmann.

Trotz der vermeintlich guten Positionierung mussten die Dresdner
den Business-Plan vor kurzem erneut einer Revision unterziehen.
Wurde noch zum Börsengang für das Geschäftsjahr 2001
mit einem organischen Wachstums von 41 Prozent gerechnet, geht
Finanzvorstand Vandreier jetzt nur mehr von einem Umsatzplus von 22
bis 27 Prozent aus. Lange Gesichter gab es in der Finance Community
aber auch angesichts des zu erwartenden operativen Ergebnisses (vor
Goodwill), das nach jüngsten Korrekturen nur noch zwischen 42
und 46 Millionen Euro liegen soll.

*Andrea Goder ist freie Journalistin in München