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05.06.2001
SAP-Lenker Hasso Plattner beschwört die offene Welt des
Collaborative Business. Die Infrastruktur dafür ist erst in
Ansätzen vorhanden.

Erstaunliche Töne aus dem Headquarter der SAP in Walldorf:
„Wir haben Fehler gemacht“, so das Eingeständnis des
Vorstandssprechers. Die Selbstkritik erinnert an das Negativimage,
gegen das die Walldorfer bereits seit langem anrennen: Die
betriebswirtschaftliche Standardsoftware gilt als eine komplexe
Systemarchitektur, überdimensioniert und teuer.

Ein anderes Manko wiegt mehr. R/3 ist eine geschlossene Welt mit
eigenen Formaten, Protokollen und Regeln. Die Verknüpfung mit
anderen IT-Systemen bedeutet erneuten Programmieraufwand – eine
Herkulesaufgabe mit keineswegs sicherem Ausgang. Zahllose Projekte
mit Fremdsystemen, beispielsweise für die Produktionsplanung,
geraten regelmäßig zu endlosen IT-Baustellen.

Aus für proprietäre IT-Inseln
Mit dieser Vergangenheit wollen die Walldorfer endgültig
Schluss machen. Den Schlüssel sehen die Softwerker im
Internet-Business und versprechen ihrer Anwendergemeinde, den
Ballast vergangener Jahre von Bord zu kippen. Mit Mysap.com hat der
Softwarekonzern sein monolithisches System in handhabbare Teile
zerschlagen und die Fundamente für einen webfähigen
Arbeitsplatz im Unternehmen gelegt.

Collaborative Business heißt jetzt das Szenario, auf das
sich die SAP-Bosse stürzen. Dafür haben die Walldorfer
sogar ihre Firmenstrategie gründlich umgekrempelt. Doch hinter
dem neuen Schlagwort verbergen sich weiterreichende Konsequenzen,
die die Systemlandschaft des Enterprise Resource Planning (ERP)
umpflügen.

Best-of-Breed contra Standard
Unter den Vorzeichen des Collaborative Computing tritt die
Integration der Softwarekomponenten in den Vordergrund. Erst wenn
die verschiedensten Applikationen störungsfrei miteinander
interagieren, kommt es zum Business-Workflow zwischen
Geschäftspartnern. Der Dominanz eines Herstellers sind damit
enge Grenzen gezogen. Mit jedem weiteren Schritt in Richtung
internetbasierten Geschäftsmodellen verlieren proprietäre
Systeme an Boden.

Wer das unternehmensübergreifende Internetgeschäft
vorantreiben will, bewegt sich in einem Spannungsfeld
widersprüchlicher Interessen. Je mehr Anwendungsfelder von den
eigenen Produkten abhängen, desto lauter klingelt die Kasse.
Microsoft ist das großeVorbild.

Andererseits fordert das webbasierte Business von IT-Systemen,
dass sie über offene Schnittstellen im Frontend der Firmen
verankert sind. Der Anwender kann jede Applikation einsetzen, die
er für geeignet hält, solange Berührungskonflikte
gegenüber Fremdsoftware ausgeschlossen sind. Leztendlich
orientiert sich Collaborative Computing an einem
Best-of-Breed-Ansatz und wendet sich gegen eine Komplettlösung
aus einer Hand.

Versprechen einlösen
Plattner kommt allerdings nicht umhin zu beweisen, dass er
hält, was er verspricht. In den Entwicklungslabors der
Walldorfer Softwerker ist noch längst nicht alles in trockenen
Tüchern. Selbst der teure Zukauf des Portalspezialisten
Toptier strapaziert erst mal die Kasse, bringt aber noch kein
einsatzreifes Produkt.

Ein anderer SAP-Partner, Commerce One, verliert derzeit an
Boden. Der Hersteller von Software für das Customer
Relationship Management (CRM) kann keine breite Palette von
integrierten Business-Anwendungen anbieten. Eine Übernahme von
Commerce One durch SAP liegt nahe. Kaufgerüchte allerdings
werden in Walldorf energisch dementiert. Der CRM-Spezialist
kooperiert auch mit SAP-Konkurrent Oracle.

Unsichere Zukunft
Die Auftriebskräfte des Internet in klingende Münze
umzusetzen, ist mit vielen Risiken behaftet. Auch wenn sich die
ERP-Schmiede gerade in prächtigen Gewinnzahlen sonnt, kann der
Wind über Nacht drehen. Je mehr sich Plattner und seine
Mitstreiter auf das Internet-Business fokussieren, desto
stärker wächst der Druck, Mysap-Techniken und Portale zu
verkaufen.

Von deren Einsatzreife aber sind noch längst nicht alle
Anwender überzeugt. Die Furcht vor Inkonsistenzen der
IT-Umgebung ist der größte Bremsklotz beim Umstieg der
Firmen auf Webtechnik. Solange nur kapitalstarke Großkonzerne
den Sprung auf Mysap.com wagen, bleibt das Collaborative Business
eine glatte Luftnummer.

Quelle: www.silicon.de