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München (Berliner Morgenpost Online vom
28.03.2001 / Lutz Knappmann) – Erfolg macht selbstbewusst. Dem
US-Softwareanbieter Siebel Systems kann man Erfolglosigkeit
ebensowenig vorwerfen wie übertriebene Zurückhaltung.
«Schnellstwachsendes Unternehmen der USA 1998 und 1999»
und «einflussreichstes Software-Unternehmen der Welt
2000» – solche Aszeichnungen trägt Siebel mit Stolz. Das
High-Tech-Unternehmen mit Hauptsitz im kalifornischen San Mateo
sieht sich als «weltweit führenden Anbieter von
E-Business-Anwendungen».

Aber Superlative sind eine Definitionsfrage. E-Business ist ein
breites Geschäftsfeld, die Wettbewerber sind stark und
zahlreich. Philipp Diebenbusch, Marketing-Chef für
Zentraleuropa bei Siebel Systems, setzt bei seiner Definition von
E-Business daher vor allem einen Schwerpunkt: «Im Mittelpunkt
stehen bei uns der Kunde und seine Möglichkeiten, mit einem
Unternehmen in Kontakt zu treten.» Siebel Systems
konzentriert sich auf Software für das Customer Relationship
Management (CRM), die elektronische Verwaltung und Organisation von
Kundenkontakten.

Schwerpunkt ist das «Multi-Channel-Management».
Egal, ob sich ein Kunde per E-Mail, Fax oder Telefon an ein
Unternehmen wendet, sein Ansprechpartner soll stets alle
Informationen über ihn parat haben. «Ruft ein Kunde bei
einer Bank an, dann weiß sein Gegenüber bereits, dass er
schon mal angerufen hat oder dass er zuvor die Internetseite der
Bank besucht hat», erläutert Diebenbusch. Rund 145
Produkte bietet Siebel seinen Kunden, Branchenlösungen wie
auch übergreifende Systeme.

Bei den CRM-Anwendungen in großen US-Konzernen hat das
Unternehmen einen Marktanteil von rund 50 Prozent, weltweit waren
es Ende 2000 rund 18 Prozent. Zu den mehr als 2500 Kunden
zählen Konzerne wie Kellogg’s, Ford, Bayer oder Siemens.
Angesichts der kaum achtjährigen Firmengeschichte sind diese
Zahlen beachtlich. Selbstbewusst verteilt Siebel ein Handbuch, das
100 «Erfolgsgeschichten von E-Business-Anwendern»
beschreibt. Das Unternehmen, 1993 von Thomas Siebel gegründet,
profitiert von der rasanten Entwicklung des Internets. Die
zunehmende Vernetzung mache CRM-Anwendungen unentbehrlich.
«Durch das Internet ist es für das einzelne Unternehmen
noch wichtiger geworden, für hundertprozentige
Kundenzufriedenheit zu sorgen», erklärt Marketing-Chef
Diebenbusch. «Die Ansprüche der Kunden sind gewachsen.
Sie können sekundenschnell die Angebote verschiedenster Firmen
vergleichen.»

Als Siebel 1995 erstmals eine CRM-Software auf den US-Markt
brachte, schien es, als hätte die Wirtschaft nur darauf
gewartet. Die Nachfrage stieg so rasant, dass das Unternehmen
seinen Umsatz seither alle zwölf Monate verdoppeln konnte. Im
vergangenen Geschäftsjahr stieg er von 813,5 Millionen Dollar
auf rund 1,8 Milliarden Dollar – ein Zuwachs von 121 Prozent. Der
Gewinn legte um 134 Prozent auf 123,1 Millionen Dollar zu. Siebel
Systems beschäftigt heute rund 7500 Mitarbeiter in mehr als 30
Ländern.

Auf die Filialen in Europa entfallen 30 bis 35 Prozent des
Gesamtumsatzes. Diebenbusch wittert hier noch eine
größere Zukunft: «Europa hinkt bei der
Kundenpflege noch etwas hinterher.» Es bilde aber den am
schnellsten expandierenden Markt. Auf Expansionskurs ist auch die
deutsche Filiale. Erst kürzlich zogen die Mitarbeiter in die
neue Siebel-Deutschlandzentrale im Norden Münchens. Dort ist
Platz für bis zu 400 Mitarbeiter. Auch in Frankfurt am Main
bezog das Unternehmen neue, größere
Geschäftsräume.

Ob das Wachstum allerdings weitergeht wie bisher, ist kaum
vorauszusagen. Analysten erwarten, dass sich die Entwicklung vor
allem im Bereich von Großunternehmen etwas abkühlen
werde. Auf der Computermesse Cebit setzt Siebel deshalb einen der
Schwerpunkte auf die «Mid-Market-Edition», auf
Softwarelösungen für den Mittelstand. Zusätzliches
Wachstum erhofft sich das Unternehmen aber vor allem aus dem
internationalen Geschäft.

Siebels Expansionsdrang spüren auch Konkurrenten wie SAP
oder Oracle. Auch wenn Diebenbusch abwiegelt: «Der Markt ist
groß, der Wettbewerb ist nicht allzu hart.» Ganz so
friedlich geht es im CRM-Geschäft nicht zu. Ende 1999 reichte
SAP in den USA Klage gegen Siebel ein. Der Vorwurf: Der Konkurrent
habe hochrangige SAP-Manager «auf räuberische Art und
Weise» abgeworben. Zuvor waren 27
SAP-Führungskräfte zu Siebel gewechselt. Ein Indiz
für den bisweilen aggressiven Stil, mit dem sich Siebel im
Softwaregeschäft behauptet. So monierte das Manager Magazin:
«Die Führungstruppe von Siebel Systems tendiert zu
Überheblichkeit und unterschätzt die Konkurrenz.»
Firmengründer Thomas Siebel führe sich auf «wie ein
Patriarch aus dem vergangenen Jahrhundert». Wie die Bewertung
auch ausfällt. Am Erfolg des Unternehmens ändert das
nichts. Grund genug für Siebel, seine Visionen zur Zukunft der
Wirtschaft aufzuschreiben. Sein zweites Buch «Wandel zum
E-Business» erscheint noch in diesem Jahr. Erfolg macht eben
selbstbewusst.